Ich dachte, ich sei realistisch.
Bodenständig.
Organisiert.
Ich nannte es Alltag.
Tatsächlich war es: ein sorgfältig eingerichteter Käfig.
Mit Kalendern an der Wand.
Mit Einkaufslisten, Kinderschuhen im Flur
und einem Knoten im Hals, den ich weglächelte.
Ich war gut darin, alles am Laufen zu halten.
Nur mich selbst hab ich dabei vergessen.
Er klingelt früh.
Er macht Frühstück, plant die Woche, schreibt To-dos.
Er lächelt beim Elternabend.
Und sagt sich abends leise:
„Heute wieder nichts für mich gemacht. Aber morgen vielleicht.“
Er ist nicht laut.
Nicht zerstörerisch.
Nur leise effizient –
wie ein System, das dich daran hindert, größer zu werden,
als du dich gerade fühlst.
Dein Alltag ist voll.
Aber nicht erfüllt.
Du rennst – aber wohin?
Und für wen?
Selbstboykott ist nicht immer Netflix und Aufschieberitis.
Manchmal ist es das Pflichtgefühl, das dich auffrisst.
Die scheinbare Vernunft, die dich klein hält.
Die Routine, die dich vergessen lässt, dass du Wünsche hattest.
Wie ständiges „Ich müsste mal…“
Wie „Ich kann später noch…“
Wie eine kleine Leere nach jedem erledigten Punkt auf der Liste.
Du warst den ganzen Tag beschäftigt –
aber nicht bei dir.
Weil’s funktioniert.
Weil es nicht schlimm aussieht.
Weil es keiner merkt – vielleicht nicht mal du selbst.
Du nennst es Alltag.
Aber tief drinnen spürst du:
Ich war mal lebendiger.
Du planst deinen Tag bis ins Kleinste – aber vergisst dich.
Du redest dir ein, „so ist das eben“ – obwohl es sich falsch anfühlt.
Du tust nichts, was dir wirklich Freude macht – weil du dafür „keine Zeit hast“.
Du wartest auf bessere Umstände – statt auf dich selbst zu hören.
Du hältst fest an Dingen, die du längst loslassen dürftest.
Du redest dich klein, bevor du überhaupt angefangen hast.
Du verwechselst „bequem“ mit „sicher“ – und „sicher“ mit „frei“.
Du brauchst keinen 6-Wochen-Plan.
Du brauchst keine neue Morgenroutine mit Affirmationen und Smoothie-Bowls.
Du brauchst dich.
Für 5 Minuten am Tag.
Nicht: Was muss ich heute schaffen?
Sondern: Was darf heute einfach für mich sein?
Vielleicht ist’s ein Tee ohne Gespräch.
Vielleicht 3 tiefe Atemzüge am Fenster.
Vielleicht ein ehrlicher Satz in Gedanken:
„Ich bin noch nicht dort, wo ich hinwill.
Aber ich bin auch nicht mehr dort, wo ich mich selbst verliere.“
Eine Entscheidung,
dich wieder wichtig zu nehmen –
auch wenn du noch zweifelst.
Auch wenn es keine perfekte Lösung gibt.
Auch wenn du denkst, „das bringt doch nichts“.
Doch.
Es bringt dich.
Zurück.
Zu dir.
Du nennst es Alltag.
Aber vielleicht ist es nur Selbstboykott mit System.
Ein leises Aufgeben – als Routine verkleidet.
Aber wenn du das hier liest,
dann hast du dich noch nicht aufgegeben.
Du bist noch da.
Und das reicht für den ersten Schritt.
Heute.
Mit dir.
Deine Anna
ÜBER DEN AUTOR

Anna Kammerer
Ich schreibe über Overthinking, Gedankenkarussell, Grübeln und den Kopf, der nachts einfach nicht zur Ruhe kommt.
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© 2025 Anna Kammerer
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