Schreiben gehört seit vielen Jahren zu meinem Alltag.
Nicht als Kreativtechnik.
Nicht als Produktivitätswerkzeug.
Sondern als eine Möglichkeit, meinen Kopf zu sortieren.
Genau deshalb habe ich ein ambivalentes Verhältnis zu vielen aktuellen Schreibtrends – vor allem zu denen, die strikt festlegen, wann man schreiben sollte und wofür.
Denn meine Erfahrung ist:
Nicht jede Schreibform funktioniert zu jeder Tageszeit gleich gut.
Morgenseiten helfen mir, Gedankenmüll aus dem Kopf zu bekommen
Sie funktionieren nur, wenn ich geistig wach bin – nicht um jeden Preis früh
Ich schreibe 10 Minuten ohne Pause, ohne Struktur
Dankbarkeitstagebuch schreibe ich abends, nicht morgens
Das verbessert meinen Schlaf und meinen nächsten Morgen
Schreiben ist für mich kein Zwang, sondern ein Werkzeug zur Klarheit

Die Idee der Morgenseiten ist nicht neu. Lange bevor sie auf Social Media wieder zum Trend wurde, hat Vera F. Birkenbihl sie sehr treffend beschrieben – sie nannte sie die „Kläranlage des Geistes“.
Der Gedanke dahinter ist simpel und erstaunlich wirksam:
Der Kopf ist voll mit Gedanken, Fragmenten, To-dos, Sorgen, Erinnerungen.
All das stört klares Denken.
Also schreibt man es auf.
Nicht schön. Nicht strukturiert. Sondern roh.
Ich habe diese Methode schon vor über 20 Jahren kennengelernt und über lange Phasen praktiziert – immer dann, wenn mein Kopf zu voll war.
Für mich sehen Morgenseiten so aus:
Ich setze mich hin
nehme Papier und Stift
und schreibe 10 Minuten am Stück
Das entspricht bei mir ungefähr einer DIN-A4-Seite.
Ich denke dabei nicht nach.
Ich mache keine Pausen.
Ich korrigiere nichts.
Da steht dann alles:
„Ich muss noch einkaufen.“
„Die Gardinen gehören in die Wäsche.“
„Was schenke ich eigentlich meiner Tante?“
„Mir fällt nichts ein. Mir fällt wirklich nichts ein.“
Und genau das ist der Punkt:
Auch „Mir fällt nichts ein“ wird aufgeschrieben – immer wieder, bis der Kopf ruhig wird.
Es klingt absurd.
Aber es funktioniert.
An diesen Tagen bin ich weniger beschäftigt mit dem inneren Gedankengeräusch, das sonst im Hintergrund mitläuft.
Ein wichtiger Punkt, der in vielen Anleitungen fehlt:
Morgenseiten funktionieren nur dann gut, wenn ich geistig schon da bin.
Nicht um 5 Uhr morgens.
Nicht mit leerem Magen.
Nicht bevor ich gefrühstückt habe.
Ich brauche:
meine große Tasse schwarzen Tee
meine Haferflocken mit Rosinen
ein erstes Ankommen im Tag
Erst dann kann ich schreiben, ohne dass es sich zäh oder angestrengt anfühlt.
Frühes Aufstehen allein macht mich nicht klar.
Es macht mich nur früh müde.
Später bin ich auch auf die Methode von Julia Cameron gestoßen.
Sie empfiehlt, morgens drei DIN-A4-Seiten zu schreiben – mit der Idee, dass sich kreative Blockaden oft erst nach einer gewissen Schreiblänge lösen.
Ich halte diese Methode für sehr wirkungsvoll, wenn es darum geht, die eigene Kreativität wiederzufinden oder neu zu beleben.
Gerade für Menschen, die das Gefühl haben, keinen Zugang mehr zu ihren Ideen zu haben, kann dieses Schreiben ein wichtiger Türöffner sein. Sie hat sehr gute und ungewöhnliche Ideen, die eigene Kreativität zu wecken. Wenn dich das interessiert, findest du sie ausführlich beschrieben im Buch Der Weg des Künstlers* von Julia Cameron.
Für mich persönlich ist diese Form des Schreibens jedoch weniger eine Kläranlage für den Kopf als vielmehr ein kreativer Prozess.
Wenn ich Klarheit suche, bleibe ich lieber bei kürzeren, freieren Morgenseiten.
Wenn es um kreative Impulse geht, halte ich die Methode von Julia Cameron hingegen für sehr wertvoll.
Ein weiterer Trend, der mir immer wieder begegnet, sind Dankbarkeitstagebücher.
Viele Menschen schreiben sie morgens – und laut einer Umfrage, die ich einmal gemacht habe, fast die Hälfte davon direkt nach dem Aufstehen.
Ich fand das immer interessant.
Denn für mich stellt sich eine einfache Frage:
Woher soll ich morgens wissen, wofür ich heute dankbar bin?
Ich weiß das abends.
Ich schreibe mein Dank- und Reflexionsjournal deshalb abends.
Das hat für mich mehrere Vorteile:
Ich kann den Tag überblicken
Erfolge benennen
schwierige Punkte aufschreiben
offene Gedanken aus dem Kopf holen
Alles, was noch herumspukt, landet auf dem Papier.
Und genau das hat eine enorme Wirkung auf meinen Schlaf:
Wenn Dinge aufgeschrieben sind, müssen sie nachts nicht mehr im Kopf kreisen.
Ich schlafe ruhiger.
Tiefer.
Wache morgens automatisch besser auf.
Diese Erfahrung hat meine Sicht auf Morgenroutinen stark verändert.
Nicht alles, was morgens „erledigt“ werden soll, gehört wirklich dorthin.
Manches funktioniert besser, wenn man es zeitlich verlagert.
Für mich heißt das:
morgens: Gedankenmüll raus, wenn ich geistig wach bin
abends: Tag abschließen, Dankbarkeit, Ordnung
Beides zusammen ergibt:
besseren Schlaf
klareren Kopf
einen ruhigeren Start in den nächsten Tag
Ganz ohne Druck.
Was sind Morgenseiten?
Morgenseiten sind eine Schreibtechnik, bei der Gedanken ungefiltert aufgeschrieben werden, um den Kopf zu klären. Sie dienen nicht der Kreativität, sondern der mentalen Entlastung.
Müssen Morgenseiten morgens geschrieben werden?
Nicht zwingend. Entscheidend ist, dass man geistig wach ist. Für manche Menschen funktioniert das erst nach dem Frühstück oder später am Vormittag.
Was ist der Unterschied zwischen Morgenseiten und einem Dankbarkeitstagebuch?
Morgenseiten dienen dazu, Gedankenmüll loszuwerden. Ein Dankbarkeitstagebuch hilft, den Tag abzuschließen und Erlebnisse bewusst zu reflektieren.
Warum schreiben manche Menschen Dankbarkeit lieber abends?
Abends lässt sich der Tag besser überblicken. Viele empfinden es als hilfreicher, Dankbarkeit und offene Gedanken vor dem Schlafengehen aufzuschreiben.
Verbessert Schreiben den Schlaf?
Viele Menschen berichten, dass aufgeschriebene Gedanken den Kopf entlasten und so das Einschlafen erleichtern können.
Schreiben ist kein Allheilmittel.
Und es ist keine Pflichtübung.
Aber richtig eingesetzt – zur passenden Tageszeit und mit dem richtigen Zweck – ist es ein erstaunlich wirkungsvolles Werkzeug.
Nicht, um besser zu funktionieren.
Sondern um klarer zu werden.
Vielleicht muss nicht alles morgens passieren.
Manchmal reicht es, den Tag gut zu beenden – damit der nächste von selbst besser beginnt.
Deine Anna
*Dieser Artikel enthält einen Affiliate-Link zu Amazon. Wenn du über diesen Link ein Buch kaufst, erhalte ich eine kleine Provision. Für dich ändert sich am Preis nichts.
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf persönlichen Erfahrungen und stellt keine therapeutische oder medizinische Beratung dar.
ÜBER DEN AUTOR

Anna Kammerer
Ich beschäftige mich mit Morgenroutinen – aber nicht mit denen, die aus To-do-Listen, Selbstoptimierung oder frühem Aufstehen um jeden Preis bestehen.
Mich interessieren keine 5-Uhr-Morgen, keine perfekten Abläufe und keine Routinen, die zusätzlichen Druck erzeugen.
Mich interessiert, was morgens wirklich guttut – ohne Stress, ohne Zwang und ohne das Gefühl, schon vor dem Frühstück hinterherzuhinken.
In meinen Artikeln teile ich persönliche Erfahrungen, kleine Selbsttests und ehrliche Beobachtungen aus dem Alltag. Nicht als Anleitung, sondern als Einladung: Dinge auszuprobieren, wieder loszulassen und den eigenen Rhythmus ernst zu nehmen.
Ich schreibe für Menschen, die ihren Morgen nicht „optimieren“ wollen, sondern ihn entlasten möchten.
Für alle, die sanfter in den Tag starten wollen – auf eine Weise, die sich leicht anfühlt und langfristig tragbar ist.
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© 2025 Anna Kammerer
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